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Alltag & Sonderfälle

Sicherheit im Umgang mit herausfordernden Situationen

Absenzen & Langzeitabsenzen

Wie Sie richtig reagieren, wenn Mitarbeitende ausfallen

Absenzen (vor allem längerfristige) können ein Zeichen für Probleme sein. Ihre Reaktion ist wichtig.

Früher Kontakt: Die ersten 3 Tage

Was tun:

  • →Tag 1-2: Kurze, freundliche Nachricht (SMS, Email): „Alles okay? Gute Besserung!"
  • →Tag 3: Anruf der Führungskraft (nicht HR, nicht GL). Kurz, nicht aufdringlich.
  • →Frage stellen: „Wie geht es dir? Gibt es was, das wir dir helfen können?"
  • →Nicht fragen: Nach Diagnosen, Details der Krankheit, oder verdächtig wirken

Langzeitabsenzen: Nach 1-2 Wochen

Was klären:

  • →Wann kann die Person voraussichtlich zurückkommen?
  • →Wird ein ärztliches Attest benötigt? (Ab 3. Tag gesetzlich)
  • →Kann die Person mit Betriebsarzt/EAP Kontakt nehmen? (Angebot, nicht Befehl)
  • →Sind Arbeitsanpassungen nötig bei Rückkehr?

Rolle der Führung – Was Sie TUN

  • ✓Regelmässiger, respektvoller Kontakt (zeigt: Wir kümmern uns)
  • ✓Hilfe anbieten: Betriebsarzt, EAP, Anpassungen
  • ✓Bei Rückkehr: Klare Absprachen und evtl. Stufenpläne

Rolle der Führung – Was Sie NICHT tun

  • ✗Verdacht äussern oder argwöhnisch werden
  • ✗Ärztliche Informationen einfordern (illegal)
  • ✗Sanktionen androhen oder bei Rückkehr „bestrafen"
  • ✗Stille Behandlung oder Ausgrenzung

Merksatz: Früher Kontakt ist nicht invasiv – es zeigt Fürsorge. Das stärkt Vertrauen und oft auch Rückkehr-Chancen.

3.5.2 Wiedereinstieg & Return-to-Work

Strukturierte Rückkehr nach längerer Abwesenheit

Ein guter Wiedereinstieg reduziert das Rückfall-Risiko. Hier ist Struktur wichtig.

Stufenpläne: Sanfter Einstieg

Grundprinzip: Nicht sofort 100%, sondern in Schritten hochfahren.

Beispiel Stufenplan (4 Wochen):

  • Woche 1: 50% Arbeitszeit, einfache Aufgaben, viel Kontakt mit Führungskraft
  • Woche 2: 60%, normale Aufgaben (keine Überlastung), regelmässige Check-ins
  • Woche 3: 80%, schrittweise Rückkehr zu normalem Umfang
  • Woche 4: 100%, aber mit Monitoring (regelmässige Gespräche)

→ Dies ist mit der Person und evtl. Betriebsarzt abzustimmen

Arbeitsplatzanpassung

Fragen zur Klärung:

  • →Kann die Person die gleiche Arbeit machen, oder braucht es Anpassungen?
  • →Physisch: Ergonomie, Arbeitszeiten, Pausen?
  • →Mental: Weniger Stress, andere Aufgaben, mehr Unterstützung?
  • →Sozial: Andere Zusammensetzung, Einzelarbeit vs. Team?

Rückkehr-Gespräch (vor Start):

Agenda:

  • ✓ Willkommensheissung (sincere!)
  • ✓ Stufenplan besprechen (Erwartungen klären)
  • ✓ Arbeitsplatzanpassungen erläutern
  • ✓ Unterstützungsangebote (Betriebsarzt, EAP, etc.)
  • ✓ Termin für nächstes Check-in (z.B. nach Woche 1)
3.5.3 Konflikte im Team

Früherkennung und strukturierte Klärung

Konflikte sind normal, aber ungelöste Konflikte sind Gesundheitsrisiken. Früh handeln spart viel Aufwand später.

Früherkennung: Auf was Sie achten

  • ⚠Menschen sitzen nicht mehr zusammen (räumliche Distanz)
  • ⚠Weniger Kommunikation oder nur formal (kalt)
  • ⚠Spöttische oder sarkastische Bemerkungen (unterschwelliger Ärger)
  • ⚠Blockaden bei gemeinsamen Entscheiden
  • ⚠Dritte Person kommt zu Gesprächen dazu (Unterstützung suchen)

Strukturierte Klärung: 4 Schritte

Schritt 1: Einzelgespräche

  • → Zuerst mit jeder Person einzeln sprechen (nicht zusammen!)
  • → Offen fragen: „Wie ist deine Sicht? Was ist der Kern des Konflikts?"
  • → Dokumentieren: Was wird gesagt? (Neutral!)

Schritt 2: Gemeinsames Gespräch

  • → Moderiert von Führungskraft oder Neutral (z.B. Mediator)
  • → Klare Regeln: Respekt, aktiv zuhören, keine Unterstellungen
  • → Ziel: Gegenseitiges Verständnis, nicht Gewinner/Verlierer

Schritt 3: Gemeinsame Lösung

  • → „Was braucht es, damit es besser läuft?"
  • → Konkrete Vereinbarungen treffen (schriftlich!)
  • → Klare Konsequenzen, wenn es nicht funktioniert

Schritt 4: Monitoring

  • → Nach 2 Wochen: Erstes Check-in mit beiden
  • → Nach 1 Monat: Zweites Gespräch (funktioniert die Lösung?)
  • → Regelmässige kurze Checks danach

Wichtig: Wenn selbst mit Mediation keine Besserung kommt → externe, spezialisierte Hilfe holen. Konflikte können sehr schädlich werden.

3.5.4 Überlastung & private Krisen

Grenzen setzen und richtig helfen

Manchmal haben Menschen private Probleme (Scheidung, Krankheit in Familie, finanzielle Not). Das wirkt auf die Arbeit. Wie gehen Sie damit um?

Abgrenzung: Ihre Grenzen

Sie sind nicht:

  • ✗Therapeut oder Counselor
  • ✗Familien-Berater oder Finanz-Experte
  • ✗Freund oder Vertrauter (bei aller Sympathie – es ist eine berufliche Beziehung)
  • ✗Verantwortlich für die Lösung von privaten Problemen

Was Sie TUN können

  • ✓Zuhören: Kurz und empathisch, ohne tiefe Beratung
  • ✓Verstehen zeigen: „Das klingt schwierig. Wie kann ich dich bei der Arbeit unterstützen?"
  • ✓Arbeitsbedingungen anpassen: Flexibilität, Homeoffice, kürzere Stunden (temporär)
  • ✓EAP/Beratung anbieten: „Wir haben ein Beratungsangebot. Möchtest du davon Gebrauch machen?"
  • ✓Klare Grenzen: „Ich kümmere mich um die Arbeit. Für private Probleme brauchst du Fachleute."

Praktisches Beispiel

Szenario: Mitarbeiter erzählt, dass er/sie sich scheiden lässt und sehr belastet ist.

Ihre Reaktion:„Das tut mir leid. Das ist eine belastende Situation. Ich möchte dich unterstützen, wo ich kann. Willst du vielleicht weniger Stunden arbeiten? Und wir haben ein EAP-Angebot – vielleicht hilft das. Bei der Arbeit selbst werde ich dir helfen, dass du Pausen und Fokuszeit hast. Okay?"

Warnzeichen: Wann Sie handeln müssen

  • ⚠ Person wirkt verzweifelt oder macht Aussagen über Selbstverletzung
  • ⚠ Leistung bricht völlig ein über längere Zeit
  • ⚠ Regelmässige Absenzen oder Unpünktlichkeit
  • ⚠ Andere Mitarbeitende sind betroffen (Konflikte, Spannungen)
  • → Dann: Gespräch mit Betriebsarzt oder Fachperson einholen
3.5.5 Sucht & schwierige Themen

Handlungsrahmen und klare Grenzen

Manchmal begegnen Sie Themen wie Sucht, psychische Erkrankungen, oder gefährliches Verhalten. Hier sind klare Grenzen wichtig.

Erkannte Suchtverhalten – Was Sie TUN

Beispiele: Alkohol, Drogen, Medikamente, Glücksspiel – sichtbar bei der Arbeit.

Schritt 1: Sichern Sie die Sicherheit

  • → Wenn jemand sichtbar beeinträchtigt ist → sofort von der Arbeit freistellen
  • → Keine Maschinen, kein Fahren, kein Kundenkontakt

Schritt 2: Ein klares Gespräch

  • → Ruhig, sachlich, nicht vorwurfsvoll
  • → Konkrete Beobachtungen: „Ich habe bemerkt, dass…"
  • → Nicht diagnostizieren: „Ich denke nicht, dass das Sucht ist, aber…"
  • → Klare Konsequenzen: „Das kann so nicht weitergehen."

Schritt 3: Externe Hilfe

  • → Betriebsarzt oder spezialisierte Beratung einbeziehen
  • → Sucht-Beratungsstelle oder Fachperson empfehlen
  • → Ultimatum klar: Akzeptanz von Hilfe oder Konsequenzen

Grenzen Ihrer Verantwortung

Sie sind NICHT verantwortlich für:

  • ✗Diagnosis oder Behandlung von Sucht
  • ✗Die Person vor sich selbst zu „retten"
  • ✗Unbegrenzte Geduld oder Versuche zu „motivieren"
  • ✗Abdeckung von Fehlverhalten oder Sicherheitsrisiken

Psychische Krisen & psychiatrische Notfälle

Warnsignale: Person wirkt suizidal, selbstverletzend, oder völlig desorientiert.

Ihre Reaktion:

  • → Sofort: Sicherheit – Person ist sicher (nicht allein, Umgebung sicher)
  • → Kontaktieren Sie sofort Betriebsarzt oder Notfallseelsorge
  • → Im Extremfall: Notruf (144 oder 117)
  • → NUR fachliche Hilfe kann helfen – nicht Sie allein

Wichtigste Maxime:

Bei schwierigen Themen wie Sucht oder psychischen Krisen: Fachpersonen einbeziehen, nicht versuchen, alleine zu handeln. Ihre Aufgabe ist, die Person zu diesen Fachpersonen zu bringen, nicht die Behandlung selbst zu übernehmen.

Zusammenfassung: Alltag & Sonderfälle

Absenzen: Früh Kontakt, zeigen Fürsorge, Stufenpläne bei Rückkehr nutzen.

Konflikte: Früh erkennen, strukturiert klären, externe Hilfe nicht scheuen.

Private Krisen & Überlastung: Grenzen setzen, aber helfen wo möglich. EAP und Fachpersonen nutzen.

Sucht & Krisen: Sicherheit zuerst, Fachpersonen früh einbeziehen, klare Grenzen.

Kern: Sie sind Führungskraft, nicht Therapeut. Helfen wo Sie können, aber wissen wo Ihre Grenzen sind und bringen Sie Menschen zu Fachpersonen.

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